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Amorphe Strukturen: Wirksamkeit zwischen formaler und informaler Organisation
Das Dilemma moderner Organisationen
Organisationen stehen vor einem fundamentalen Widerspruch: Sie brauchen Stabilität, um effizient zu arbeiten. Und sie brauchen Flexibilität, um auf Veränderungen reagieren zu können. Beides gleichzeitig? Schwierig. Seit den Hawthorne-Studien der 1930er Jahre denken wir Organisationen in zwei Ebenen:
- Formal: Hierarchie, Prozesse, Organigramm – das, was dokumentiert ist.
- Informal: Beziehungsnetzwerke, Flurgespräche, ungeschriebene Regeln – das, was nirgends steht, aber trotzdem wirkt.
In unserem aktuellen Beitrag für die Zeitschrift für Organisationsentwicklung (Ausgabe 1/2026) schlagen Sabine und ich eine Erweiterung vor: die amorphe Organisationsstruktur als dritte Ebene.
Was bedeutet „amorph“?
Amorph heißt: ohne feste Form. Amorphe Strukturen sind weder vollständig formal noch rein informal. Sie entstehen, wenn Entscheider*innen bewusst Freiräume schaffen oder zulassen – Räume, in denen Organisationsmitglieder jenseits formaler Hierarchien zusammenarbeiten können. Das Entscheidende dabei: Die Verbindung zur Formalorganisation bleibt bestehen. Es geht nicht um Parallelwelten, sondern um Ergänzung.
Vier Merkmale kennzeichnen amorphe Strukturen:
- Intentionalität: Sie werden bewusst eingerichtet oder zugelassen – nicht zufällig.
- Flexibilität: Keine feste Form, situative Anpassung, keine klassischen Erfolgsmetriken.
- Ermöglichender Charakter: Sie schaffen Verbindungen zwischen Menschen verschiedener Ebenen und Funktionen.
- Resilienzorientierung: Neben konkreter Problemlösung stärken sie die organisationale Widerstandsfähigkeit.
Von Graswurzeln zu amorphen Strukturen
Wer unser Buch „Graswurzelinitiativen in Unternehmen“ (Vahlen, 2020) kennt, erkennt die Weiterentwicklung: Dort haben wir beschrieben, wie Mitarbeitende abseits formaler Strukturen eigeninitiativ Veränderung anstoßen – oft im Verborgenen, manchmal gegen Widerstände. Die amorphe Struktur markiert den nächsten Schritt: den Moment, in dem Entscheider*innen diese Initiativen wahrnehmen, Freiraum geben und die Akteure bewusst gewähren lassen – ohne sie vorschnell zu formalisieren oder zu vereinnahmen.
Das Paradoxon der gesteuerten Selbstorganisation
Hier liegt die zentrale Herausforderung: Wie können Führungskräfte Freiräume schaffen, ohne sie zu überregulieren? Peter Kruse brachte es auf den Punkt: „Die Antwort auf Komplexität ist nicht Vereinfachung, sondern die Entwicklung komplexitätsadäquater Strukturen.“ Amorphe Strukturen sind genau das: komplexitätsadäquate Antworten. Sie funktionieren wie Synapsen in der Organisation – alternative Kommunikations- und Entscheidungswege, die parallel zu formalen Kanälen existieren und schnelle Informationsübertragung, flexible Reaktionen und organisationales Lernen ermöglichen.
Praktische Gestaltungsansätze
Im Artikel beschreiben wir konkrete Handlungsfelder für Organisationsentwickler*innen und Führungskräfte:
Für die Initiierung:
- Funktionsübergreifende Multiplikatorenteams etablieren
- Physische und zeitliche Räume schaffen (Innovation Labs, „20% Time“-Konzepte)
- Technologische Plattformen für Communities of Practice einführen
Für die Begleitung:
- Kulturelle Voraussetzungen und das notwendige Mindset fördern
- Serendipität ermöglichen – Zufallsbegegnungen unterstützen
- Wissensaustausch jenseits formaler Hierarchien ermöglichen
- Verbindungen auch nach Projektende pflegen
Für die Akteure selbst:
- Eigene Kommunikationsstrukturen etablieren
- Zwischenmenschliche Beziehungen als Grundlage für Veränderung pflegen
- Diversität in Teams sicherstellen
- Die richtigen Stakeholder auf die richtige Art integrieren
Ein Beispiel aus der Praxis: Transformation einer Verwaltungsbehörde
Im Artikel beschreiben wir auch, wie eine Münchner Verwaltungsbehörde amorphe Strukturen gezielt implementiert hat. Die Organisation kämpfte mit manuellem Prozess-Chaos, isolierten Teams und einem tief verwurzelten Reformstau.
Der gewählte Weg: Ein zweistufiger Prozess. Zunächst definierte das Führungsteam strategische Reformthemen – ein notwendiger formaler Rahmen. Dann öffnete sich ein hierarchiefreier Raum, in dem sich interessierte Mitarbeitende aller Ebenen freiwillig melden konnten.
Die entstehenden selbstorganisierten Fokusteams folgten einer dualen Rekrutierungslogik: „Wer MÖCHTE mitmachen?“ (intrinsische Motivation) und „Wer SOLL mitmachen?“ (fachliche Notwendigkeit). Diese Kombination schafft multidisziplinäre Teams, die Engagement und Expertise verbinden.
Ausblick: Die Zukunft organisationaler Gestaltung
Für die Zukunft erwarten wir, dass amorphe Strukturen an Bedeutung gewinnen. Organisationen sind zunehmend mit komplexen, vernetzten Herausforderungen konfrontiert, die traditionelle hierarchische Ansätze überfordern. Die Fähigkeit, solche Strukturen erfolgreich zu gestalten und zu führen, wird zu einem entscheidenden Wettbewerbsvorteil.
Die gute Nachricht: Es braucht keine Revolution. Es braucht sensible Sensorik für das, was bereits in den Freiräumen der Organisation entsteht. Und den Mut, diesen Initiativen Raum zu geben – ohne sie durch vorschnelle Formalisierung zu ersticken.
Der Artikel
Hier geht es zur Leseprobe -> ZOE_2026_01_Kluge
Der vollständige Artikel „Amorphe Strukturen – Ein praxiszentrierter Ansatz für organisationale Transformation in komplexen Zeiten“ ist erschienen in der Zeitschrift für Organisationsentwicklung (ZOE), Ausgabe 1/2026. Zur -> ZOE
Weiterführend:
Kluge, A. & Kluge, S. (2020): Graswurzelinitiativen in Unternehmen: Ohne Auftrag – mit Erfolg! München: Vahlen.
Sabine Kluge
„Mein Erfolgsrezept zum Überleben in komplexen Zeiten? Unternehmertum im Unternehmen fördern. Ohne sinnentleerte Prozesse und Regeln, dafür mit Menschenverstand, sachorientiert, beweglich und im Vertrauen, dass die Menschen im Unternehmen ihr Bestes geben.
Unser Beitrag? Wir sprechen nicht nur über Haltung und Werte – wir machen sie erlebbar.“
Fokus:
Lernender Mensch – lernende Organisation: Social Learning, Collaboration, Working Out Loud als Arbeitshaltung und Lernprogramm, Selbstorganisation von Teams (Rollen und Entscheidungsprozesse in soziokratischen Strukturen und Anschlussfähigkeit an traditionelle Strukturen)
Kompetenzen:
Handlungsfokussierte Workshops, Lernprogramme und ganzheitliche Veränderungskonzepte rund um Fragen zeitgemässer Führung, Entscheidung und Zusammenarbeit für alle Zielgruppen im Unternehmen;
Inspiration und Moderation von Veranstaltungen und Gruppen aller Größen;
Systemisches Coaching von Einzelpersonen und Teams zum zeitgemässen Führen, Entscheiden und Zusammenarbeiten
Erfahrung:
25 Jahre Strategische Planung und Learning and Development in einem multinationalen Industrie Dax Konzern, Gründerin, Hochschul-Dozentin.
Ausgezeichnet als eine der 40 führenden deutschen HR Köpfe 2019 sowie Top-10 der HR Influencer 2020 durch das personalmagazin.
LinkedIn Top Voices 2017 und 2018, 2023 und 2024 HR Excellence Award 2017 gemeinsam mit der Working Out Loud Community of Practice (WOL COP), XING New Work Award 2018 und SWINX AWARD 2022 und 2023, Linkedin Top 200 D.A.C.H.
Speakerprofil von Sabine -> DOWNLOAD
Buchveröffentlichungen:
- Kompetenzen der Zukunft – Arbeit 2030:
Als lernende Organisation wettbewerbsfähig bleiben (Herausgeberband), Haufe, 2018 - Das Change Management Workbook (Herausgeberband), Hanser, 2019
- A. Kluge, S. Kluge: Graswurzelinitiativen in Unternehmen, Vahlen, 2020
- Wissen macht Spass (Herausgeberband), Frankfurter Allgemeine Buch, 2021
- Postbürokratisches Organisieren (Herausgeberband), Vahlen, 2022
- ICH, WIR, ALLE, Vahlen 2021 (Herausgeberband), Vahlen, 2022
- Digital Leadership (Herausgeberband, überarbeitete Auflage), Haufe, 2024
- Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Neue Arbeit (Herausgeberband), Erich Schmidt Verlag, 2024
Beyond Consulting: Wie aus Consultants Konsorten wurden
Konsortevon lateinisch consors → la (Plural: consortes) = Genosse, Gefährte im 16. Jahrhundert entlehnt; aus dem Präfix con- = zusammen und dem Substantiv sors = Schicksal, Anteil, Los
Zugegeben, das Wort „Berater“ ist uns in den vergangenen Jahren immer schwerer über die Lippen gegangen. Denn der Berater steht über den Dingen, er wartet mit Antworten auf, die offenkundig niemand aus dem Unternehmen geben kann.
Uns scheint es vermessen, in einer dynamischen, komplexen und sich immer schneller verändernden Welt Blaupausen für die Lösung unternehmerischer Herausforderungen auf Abruf parat zu haben: Wir produzieren keine Slideware, sondern machen uns gemeinsam mit unseren Kunden auf den Weg. Als Pfadfinder. Als Reisebegleiter. Als Konsorten.
Denn nur so erfassen wir die DNA einer Organisation aus ihrer Geschichte heraus und entwickeln individuelle Ideen und Wege zu zeitgemäßer Organisation, Führung, Zusammenarbeit und unternehmerischer Entscheidungsfindung.
Was uns auszeichnet:
- Wir kennen das Toolset der Transformation, die Werkzeuge, mit denen Zusammenarbeit und Vernetzung neu gedacht werden können, seit vielen Jahren in der Tiefe.
- Wir haben tiefes Wissen über den Skillset, über die Kompetenzen, die Unternehmen gegenwärtig und künftig benötigen, um erfolgreich zu sein. Und aus langer Erfahrung im Bereich Learning & Development wissen wir, wie wir die Kompetenzen stärken können.
- Ganz besonders ist uns die Herausforderung vertraut, Menschen in der Organisation für steten Wandel zu gewinnen und sie auch in komplexen, unsicheren Zeiten zu Akteuren der Veränderung zu machen. Denn wir haben selbst erfahren, dass es auf die Haltung, den Mindset ankommt, wenn es darum geht, Organisationen in komplexen Zeiten im Sinne des individuellen Unternehmenserfolgs in eine neue Richtung zu bewegen.
Erfolgreiche Transformation versteht, wer sich selbst immer wieder neu zu erfinden weiß: Ab sofort lassen wir die „Kluge Consulting GmbH“ hinter uns und treten als „kluge+konsorten GmbH“ mit einem Kompetenz-Netzwerk Gleichgesinnter die Weiterreise an.
Warum Konsorten? Weil wir in den letzten Jahren vielen beeindruckenden gleichgesinnten Persönlichkeiten begegnet sind, die uns mit ihren Ideen, ihren Kompetenzen, ihrer Weltsicht und ihren handfesten, praktischen Erfahrungen in Unternehmen zu begeistern wussten. Und dabei der Wunsch entstanden ist, methodisch voneinander und miteinander zu lernen.
Unsere Konsorten sind wirtschaftlich unabhängige Netzwerkfreunde mit eigener Identität, eigenem Business und eigenen Kundenprojekten. Gleichwohl stehen sie uns und wir ihnen im Bedarfsfall zur Seite wenn es darum geht, konkrete Herausforderungen unserer Kunden aus möglichst vielen unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. Oder um neue Themen aus verschiedenen Kompetenzbereichen rund um zeitgemäße Organisation zu teilen.
Wir leben vom Austausch untereinander, von Vernetzung, Kommunikation und Ko-Kreation. Das ist auch der Grund, warum wir so lieben was wir tun – und warum wir uns auf diese Weise neu erfunden haben.
