№ 15 Anders Entscheiden bei der DATEV: Von Top-Down zu Outside-In

Alper Aslans Beruf ist es, so erzählt er in unserem Gespräch, Kunden in den Entwicklungsprozess miteinzubeziehen. Dafür sucht er Formate, die nicht unbedingt in seiner Job Description stehen und auch Schmerzen bei denjenigen Kollegen verursachen, deren heutige Verantwortung es ist, genau diese Dinge voranzutreiben.

Barcamps, Working Out Loud, agile Methoden der Zusammenarbeit vermutet man eher nicht beim Rechenzentrumsdienstleister und Softwareanbieter der Steuerberater und Wirtschaftsprüfer in Nürnberg – und doch sind alle diese Dinge als Graswurzeln aus der Mitte der Organisation heraus gewachsen. In unserem Gespräch mit Alper Aslan erfahren wir, wie das erste Barcamp den Austausch über Agilität, über Marktorientierung, ja über die Frage, wie man die DATEV zu einem besseren Unternehmen machen könnte, entstanden ist.

Die Initiatoren dieses Barcamps sind noch gegen Widerstände angerannt. Ein Kollege hat die Idee gehabt, hat Mitstreiter gesucht, schließlich haben acht Mitarbeiter das Barcamp neben der Arbeitszeit auf die Beine gestellt. „Wir haben das erste Barcamp dann am Samstag durchgeführt“, erzählt Alper Aslan, „Und am Montag haben wir dann erfahren, was wir alles falsch gemacht haben“. Das reichte dann von Missachtung der Arbeitszeitregelung über Gebäudesicherheit bis hin zu der Frage, wer sich eigentlich um das Abspülen der ganzen Tassen kümmert und ob das den Hygiene-Standards entspricht.

Immerhin: Es kamen 120 Teilnehmer – oder besser gesagt Teilgeber – die an diesem Tag sich zu vielen Sessions austauschten und eigentlich die Grundlage bildeten für eine neue Form des „miteinander und voneinander Lernens“ – und vielleicht auch den Grundstein für eine andere Art der Zusammenarbeit legten.
Christian Kaiser, damals wie heute Abteilungsleiter und einer der Teilnehmer, die ausgestattet waren mit „formaler Macht“, griff das Thema auf und fragte: Warum soll man so ein Format eigentlich nicht nur mit Mitarbeitern machen, man könnte das doch auch mit Mitgliedern tun?

Das DigiCamp genannte Barcamp ist seitdem öffentlich, und Externe sind genauso willkommen wie Mitarbeiter und Mitglieder.

Neben dem Barcamp werden bei der DATEV gezielt Freiräume geschaffen, damit neue Ideen gedeihen können – oder vielleicht, wie wir es von Tobias Leisgang erfahren haben, Petrischalen aufzustellen und es im Verlaufe der Zeit zuzulassen, dass in der einen oder anderen Schale auch etwas gedeiht.

„Es sind eigentlich nicht die Graswurzelinitiaiven selbst, sondern die Veränderung in der Art, wie wir Probleme angehen: nämlich einzusehen, kontinuierlich zu kommunizieren und in dieser Kommunikation Externe miteinzubeziehen – das ist sozusagen der große Wandel“ stellt Alper Aslan im Gespräch fest.

Und wir schauen auf die Freiräume. Wie sieht der Aushandlungsprozess für den Freiraum aus, innerhalb dessen die Teams autonom entscheiden können? Die neue DATEV, so erklärt Alper es, ist nicht mehr Top-Down, sondern Outside-In. „Das Denken beginnt vom Markt her, und dann gibt es eine Wertschöpfungseinheit, und dann gibt es wieder den Markt. Die Wertschöpfungseinheit trifft so dezentral und autonom wie möglich Entscheidungen. In dieser Welt ist es nicht mehr so gut, wenn ein Inhouse Dienstleister für dich die Probleme löst, sondern Du musst halt wenn möglich die Probleme selbst lösen können“ Und genau dafür ist Alper Aslan nun als „Lernbegleiter“ in der Organisation unterwegs, um diese Lernprozesse in den dezentralen Einheiten anzustoßen, Menschen beim Lernen zu begleiten, Feedback zu geben und zu coachen.

Wir sprechen über Experimente und lernen, dass auch die neue Personalvorständin Julia Bangerth mit den Cross Solution Centern (XSC) autonome Entwicklungsteams im Personalbereich angesiedelt hat, die neben der eigentlichen Softwareentwicklungs-Einheit existieren. Diese Teams haben beispielsweise keine unmittelbare Führungskraft. Der Test geht so weit, auszuprobieren, wie es ist, wenn Prämien oder Gehälter selber verhandelt werden. „Es ist wie ein Glaskasten – man schaut zu und kann dann für sich entscheiden: So schlimm ist es nicht, man kann man es in der großen Organisation ausprobieren“ berichtet Alper.

Eine besondere Rolle spielt auch die Community Of Practice – Change & Transition, kurz CoPCat genannt: Hier finden Menschen zusammen, die Dinge verändern wollen, und treffen dort Mitstreiter. Ganz im Sinne von How To Start a Movement ist dies eine Wiese, auf der man beginnen kann zu tanzen – und mit einem first follower rechnen kann. Die Ideen kommen aus der Belegschaft und finden hier ihren Resonanzraum.

Eine lehrreiche Stunde über eine Organisation, die den Kunden konsequent in das Zentrum rückt und daher dafür sorgt, dass Entscheidungen dort getroffen werden können, wo sie schnell wirken: nah am Markt.

Unseren Podcast gibt es auf allen gängigen Plattformen:

Informationen zu unserem Buch „Graswurzelinitiativen in Unternehmen“ gibt es -> hier.

Zitate

„Es sind eigentlich nicht die Graswurzelinitiaiven selbst, sondern die Veränderung in der Art, wie wir Probleme angehen: nämlich einzusehen, kontinuierlich zu kommunizieren und in dieser Kommunikation Externe miteinzubeziehen – das ist sozusagen der große Wandel“

„Wenn der Schmerzpunkt das Lernen vom Kunden ist, dann brauche ich Formate, um diese organisationale Entwicklung zu begleiten – das ist halt mehr als meine Jobrolle. Ich mache etwas, was nicht in meinem Arbeitsauftrag steht. Das sind immer die Punkte, die mir persönlich Schmerzen verursachen, weil ich dann auf Widerstände von Menschen stoße, deren heutige Verantwortlichkeit es ist, genau diese Dinge voranzutreiben.“

„Ich habe zum ersten Mal das Gefühl, dass ich etwas mache, was ich persönlich für richtig halte und von dem ich glaube, dass es gut für die Organisation ist, mit dem zusammenkommt, was eben auch mein Beruf ist – also dass ich genau das machen kann, was ich für richtig halte und nicht das mache, was meine Kostenstellenbezeichnung ist. Das ist für mich ein ganz spannender Unterschied.“

„Die neue Organisation wurde eigentlich auf den Kopf gestellt, nein, eher auf die Seite gelegt. Die neue Datev ist nicht mehr Top-Down, sondern Outside-In.“

„Es ist nicht damit getan, dass „jemand“ mittanzt, sondern dass die Richtigen mittanzen. Die richtigen Menschen müssen Resonanz entwickeln mit der Idee.“

„Ich weiß gar nicht, ob die „schützende Hand“ über eine Graswurzelinitiative in einer Genossenschaft zwingend eigentlich immer die Organisation selbst sein muss – dass können auch die Kunden oder Mitglieder sein.“

„Welcher Wert entsteht denn durch Kommunikation untereinander, wenn sie Probleme für die Organisation lösen? Der ist nicht zu beziffern. Das muss man als Organisation erkennen.“

„Ich glaube, dass Menschen wie ich sich oft alleine fühlen mit ihrer Idee und glauben, es gibt niemanden, der das genauso sieht. In dem Augenblick, in dem man Plattformen organisationalen Lernens schafft, Austauschplattformen, Kommunikationsplattformen, aber eben auch ein Enterprise Social Network, wo Menschen sich finden können, schafft man eigentlich einen Ort, wo der Impulsgeber sich nicht mehr alleine fühlt.“

Links

DATEV DigiCamp: https://www.datev.de/web/de/aktuelles/veranstaltungen/datev-digicamp/

Video zu XSC: https://www.youtube.com/watch?v=uuvuul0j2Yk

Video zum Barcamp: https://www.youtube.com/watch?v=Zba6TEgM7EI

Video InnoDays: https://www.youtube.com/watch?v=Zep5NS06mA0

Alper Aslans digitales Heim: http://www.alperaslan.de

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